Wie sieht es eigentlich in einer Buchbinderwerkstatt aus? Was geschieht beim Perückenmacher oder in einer geheimnisvollen Alchemistenküche? Und wie arbeitet ein Zirkelschmied? Für uns sind Bilderbücher, die detaillierte Einblicke in das Leben des 17. Jahrhunderts geben, eine faszinierende Zeitreise. Doch auch im Barock selbst gehören sie bereits zu den absoluten Bestsellern.

Eine Gesellschaft in festen Schranken
Die Gesellschaft jener Zeit ist klar in „Stände“ gegliedert – feste Gruppen, die dieser Buchgattung ihren Namen geben. Die Zugehörigkeit ist dem Menschen vorbestimmt, und die Grenzen sind scharf gezogen. Ständebücher gewähren Einblicke in diese oft verborgenen Welten:
Der Nährstand: Die größte Gruppe, bestehend aus Bauern, Künstlern und vor allem Handwerkern, die den Rest der Gesellschaft versorgen.
Der Lehrstand: Er zeigt Geistliche und Gelehrte, die sich um Seele und Geist kümmern.
Der Wehrstand: Er versammelt Regenten, Adel und Militär, die für Schutz und Ordnung verantwortlich sind.
Christoph Weigel: Der Chronist des Alltags
Eines der populärsten Werke dieser Gattung erscheint 1698 in Regensburg: “Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren so in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an, biß auf alle Künstler Und Handwercker”. Der Verleger und hervorragende Kupferstecher Christoph Weigel verfolgt darin einen monumentalen Anspruch.
Über 200 Berufe und Stände werden in detaillierten Kupferstichen bei der Arbeit gezeigt – meist direkt in ihrer Werkstatt oder in einer typischen Umgebung. Begleitend dazu finden sich ausführliche Beschreibungen der Tätigkeiten sowie moralisierende Verse, sogenannte Embleme. Weigel legt größten Wert auf Genauigkeit: Er besucht viele Werkstätten persönlich, skizziert vor Ort und zeichnet Werkzeuge direkt vom Original. Als Meister seines Fachs nutzt er Licht und Schatten so geschickt, dass die abgebildeten Räume eine beeindruckende Tiefe erhalten.
Authentisch beobachtet – und meisterhaft kopiert

Doch Weigel veröffentlicht nicht nur eigene Beobachtungen. Viele Motive stammen aus dem vier Jahre zuvor in den Niederlanden erschienenen Werk „Het Menselyk Bedryf“ (Die menschlichen Tätigkeiten) der bedeutenden Kupferstecher Jan und Caspar Luyken.
Was heute wie eine Raubkopie wirkt, hat im Barock eine eigene Logik: Weigel holt Caspar Luyken kurzerhand nach Regensburg, damit dieser seine Entwürfe dort noch einmal selbst in Kupfer sticht. Die Signatur „Casper Luyken invent. et f.“ (entworfen und ausgeführt) am Bildrand des See-Admirals oben zeugt von dieser Zusammenarbeit.
Ein Wettstreit der Pracht
Weigels Buch ist aufwendiger gestaltet als die holländische Vorlage und verkauft sich hervorragend. Dies stachelt wiederum die Luykens an: Nach Caspars Rückkehr veröffentlichen Vater und Sohn ein noch opulenteres Werk.
In unserer Galerie können Sie den direkten Vergleich ziehen: Wir zeigen Ihnen Beispiele aus den drei großen Werken – links die Vorlage von Luyken (1694), in der Mitte Weigels Regensburger Fassung (1698) und rechts das prunkvolle Spätwerk der Luykens von 1699.









Zuletzt eine Doppelseite aus “Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände”

Eine Galerie mit allen Motiven des Buches finden Sie hier.
Text: Gerhard Groebe, © Bilder: Public domain


