Bücher wie am Fließband. Im 15. Jahrhundert

Vie­le Jahr­hun­der­te lang wer­den Bücher so her­ge­stellt: Auf Bestel­lung eines Fürs­ten oder Kir­chen­fürs­ten sitzt ein Mönch tag­täg­lich im “Scrip­to­ri­um”, neben sich die Vor­la­ge und vor sich das Blatt, auf das er mit Gän­se­kiel und Tusche Tex­te schreibt. Eine gan­ze Bibel dau­ert so etwa zwei Jah­re und ist ent­spre­chen teu­er. Und Abbil­dun­gen sind sel­ten, denn dass der Schrei­ber auch ein geschick­ter Künst­ler ist, ist Glück­sa­che. Und ein eige­ner Minia­tu­ren­ma­ler ver­teu­ert das Buch zusätz­lich.

Aber die Zei­ten ändern sich, seit Ende des 14. Jahr­hun­derts ent­steht ein wohl­ha­ben­des Bür­ger­tum, das lesen und schrei­ben kann und nach Bil­dung hun­gert. Und natür­lich auch nach Zer­streu­ung, denn zum ers­ten Mal gibt es — zumin­dest für einen Teil der Bevöl­ke­rung — “Frei­zeit”.

Bücher, die sowohl Wis­sen als auch Unter­hal­tung bie­ten kön­nen, sind mit der über­kom­me­nen Auf­trags­fer­ti­gung selbst dem bür­ger­li­chen Mit­tel­stand zu teu­er und zudem nicht in der benö­tig­ten Men­ge her­zu­stel­len.

Bücher am laufenden Band

Doch kurz nach 1400 ent­ste­hen in Süd­deutsch­land die ers­ten Buch-Manu­fak­tu­ren, die mit fort­schritt­li­cher Pro­duk­ti­ons­wei­se die­se Pro­ble­me lösen. Die Werk­statt von Die­bold Lau­ber im elsäs­si­schen Hage­nau ist die erfolg­reichs­te ihrer Zeit. Die­bold prak­ti­ziert eine effi­zi­en­te, durch­or­ga­ni­sier­te Buch­her­stel­lung, er ver­gibt Auf­trä­ge an Lohn­schrei­ber und unter­hält einen fes­ten Stab von über einem Dut­zend Illus­tra­to­ren. In fast 50 Jah­ren eta­bliert er sei­ne Manu­fak­tur mit seri­ell pro­du­zier­ten Hand­schrif­ten, reich mit Bil­dern aus­ge­stat­tet, die aber im Gegen­satz zu den illu­mi­nier­ten Pracht­hand­schrif­ten der Ver­gan­gen­heit eher grob und flüch­tig ange­legt sind. Die er aber auch sehr viel preis­wer­ter anbie­ten kann.

Dazu unter­hält er einen Buch­ver­trieb, er ver­kauft auf Mes­sen und Märk­ten Bücher, die er auf Vor­rat her­stel­len lässt. Und er hat eine gera­de­zu moder­ne Mar­ke­ting­idee: Selbst­an­zei­gen in den ange­bo­te­nen Büchern, die den Lesern genau sagt, wo sie Nach­schub fin­den kön­nen. Hier preist er sein Ver­lags­pro­gramm an, manch­mal detail­liert oder wie hier ganz kurz:

„Item zuo Hage­nowe vil hüb­scher bücher geist­lich oder welt­lich gemolt by die­bold lou­ber schri­ber vnd guo­te lati­ni­sche büche­re“, also etwa “Fer­ner in Hage­nau vie­le schö­ne Bücher, geist­lich oder welt­lich, illus­triert von Die­bold Lau­ber, Schrei­ber, und gute latei­ni­sche Bücher).

Lau­ber zählt in sei­nen Anzei­gen etwa 45 Titel aus bei­na­he allen Spar­ten der Lite­ra­tur auf. Meist sind es Wer­ke, die seit lan­gem beliebt sind, er geht kein Risi­ko mit “moder­ner Lite­ra­tur” ein. Und deutsch­spra­chig sind Bücher wie Wolf­ram von Eschen­bachs “Par­zi­val” oder Kon­rad von Megen­bergs “Buch der Natur”. Er publi­ziert wohl auch Bücher in Latein, wie er oben in sei­ner Anzei­ge schreibt, erhal­ten ist aber kein ein­zi­ges Exem­plar.

Der „Hagenauer Stil“ als Marke

Die typi­schen, far­ben­fro­hen Illus­tra­tio­nen in den Büchern der Hage­nau­er Manu­fak­tur sind bewusst ein­fach gehal­ten. Die Gesich­ter sind schnell gezeich­net, aber den­noch aus­drucks­voll. Man erkennt sofort, woher die Wer­ke stam­men, sie sind Teil des „Cor­po­ra­te Design“. So weiß der Käu­fer sofort: „Ah, ein ech­ter Lau­ber!“

Die zehn Stäm­me Isra­els, His­to­ri­en­bi­bel von Die­bold Lau­ber, um 1445

Eine Spe­zia­li­tät der Hage­nau­er Werk­statt sind His­to­ri­en­bi­beln, also freie Bear­bei­tun­gen des bibli­schen Stof­fes in volks­spra­chi­ger Pro­sa, dem elsäs­si­schen Dia­lekt. Sie sind immer noch teu­re Wer­ke auf Fest­be­stel­lung, sorg­sa­mer als die “Mas­sen­wa­re” her­ge­stellt. Sie bie­ten viel Pres­ti­ge, man bekommt sie zur Hoch­zeit geschenkt oder schenkt sie sich selbst.

Historienbibel — der Tesla der Renaissance

Ein sol­cher “Bil­dungs­bür­ger” zu Beginn der Neu­zeit ist Hans vom Staal (um 1419 bis 1499), Stadt­schrei­ber von Solo­thurn und gewand­ter Diplo­mat. Um 1460 gibt er bei Lau­ber eine gewal­ti­ge “His­to­ri­en­bi­bel” in Auf­trag. Natür­lich aus­ge­stat­tet mit auf­wän­dig kolo­rier­ten Bil­dern. Geschil­dert wer­den dar­in bibli­sche Geschich­ten, aber auch Anti­kes aus dem Leben von Alex­an­der dem Gro­ßen. Herr vom Staal hat es so gewünscht.

Bevor wir Bei­spie­le aus dem Buch sehen, noch ein Aus­blick: Wie erwähnt, arbei­tet Die­bolds Buch­ma­nu­fak­tur in Hage­nau. Nach Straß­burg sind es etwa 30 Kilo­me­ter. Dort lebt um 1440 Johan­nes Guten­berg, der natür­lich von Lau­bers gut­ge­hen­dem Geschäft gehört hat. Und der sicher bereits über eine ganz eige­ne Lösung für die immer grö­ßer wer­den­de Nach­fra­ge nach Büchern nach­denkt. Nur zehn Jah­re spä­ter ist er in Mainz zum größ­ten Kon­kur­ren­ten von Lau­ber gewor­den, sei­ne Erfin­dung wird bald alle Manu­skript-Manu­fak­tu­ren für immer been­den.

Ger­hard Groe­be

Moti­ve aus der um 1460 für Hans vom Staal geschaf­fe­nen His­to­ri­en­bi­bel:

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