Zwischen Kunst und Kommerz — die de Brys und die Merians. Teil 1

Theodor de Bry (1528–1598) — Der Urgroßvater von Maria Sibylla Merian

Theo­dor de Bry

Von Maria Sibyl­la Meri­an wer­den wir hier noch viel zu sehen und zu lesen krie­gen. Ihr Leben beschrei­ben gleich meh­re­re aktu­el­le Bio­gra­fien, umfang­rei­che Web­sei­ten wid­men sich ihr. Aber wie wur­de sie zu die­ser unge­wöhn­li­chen Frau, wel­che Wur­zeln hat sie? Dem wer­den wir in einem mehr­tei­li­gen Arti­kel nach­ge­hen.

​Die Geschich­te der Frank­fur­ter Fami­lie Meri­an, aus der Maria Sibyl­la stammt, beginnt mit der Künst­ler­fa­mi­lie de Bry. Die de Brys sind Gold­schmie­de und Kup­fer­ste­cher in Lüt­tich im heu­ti­gen Bel­gi­en. Theo­do­re de Bry kon­ver­tiert zum Pro­tes­tan­tis­mus und wird dar­auf­hin zu lebens­lan­ger Ver­ban­nung ver­ur­teilt, sein Ver­mö­gen beschlag­nahmt. Über Straß­burg kommt Theo­dor de Bry mit sei­ner Fami­lie nach Frank­furt am Main und grün­det hier eine Kup­fer­ste­cher-Werk­statt und einen Ver­lag.

Und er setzt bei sei­nen Büchern auf ein The­ma, von dem er sich gute Ver­käu­fe ver­spricht: Die Erobe­rungs­zü­ge der spa­ni­schen Kon­quis­ta­do­ren in Süd­ame­ri­ka. Dazu ver­öf­fent­licht er 1598 eine illus­trier­te Aus­ga­be von Bar­to­lo­mé de Las Casas’ Werk “Kurz­ge­fass­ter Bericht von der Ver­wüs­tung der West­in­di­schen Län­der” unter dem Titel “Nar­ra­tio regi­o­num indi­carum per His­pa­nos quosdam devas­ta­ta­rum veris­si­ma”, deutsch: „Wahr­haf­tigs­ter Bericht über die indi­schen Regio­nen, die von gewis­sen Spa­ni­ern ver­wüs­tet wur­den“.

Ein Spanier kritisiert spanische Gräueltaten

Nar­ra­tio regi­o­num indi­carum

Las Casas ist als spa­ni­scher Erobe­rer an zahl­rei­chen Gräu­el­ta­ten betei­ligt, bis er sich davon abwen­det und zu einem der schärfs­ten Kri­ti­ker der Über­grif­fe wird. In sei­nem Buch schil­dert er sie mit dras­ti­schen Wor­ten.

Hier ein Bei­spiel in heu­ti­gem Deutsch:

„Die Spa­ni­er mach­ten Wet­ten unter­ein­an­der, wer von ihnen einen Men­schen mit einem Schwert­streich mit­ten von oben her­ab spal­ten, oder ihm mit einer Lan­ze den Kopf abhau­en, oder ihm die Ein­ge­wei­de aus dem Leib rei­ßen könn­te. Sie ris­sen die neu­ge­bo­re­nen Kin­der von den Brüs­ten ihrer Müt­ter, fass­ten sie bei den Bei­nen und schlu­gen ihre Köp­fe an die Fel­sen. […] Ande­re mach­ten brei­te Gal­gen, so dass die Füße bei­na­he die Erde berühr­ten, häng­ten zu Ehren und zur Ver­herr­li­chung des Erlö­sers und der zwölf Apos­tel je drei­zehn und drei­zehn India­ner an jeden der­sel­ben, leg­ten dann Holz und Feu­er dar­un­ter und ver­brann­ten sie alle leben­dig.“

… und hier die Sei­te mit einem Teil des Tex­tes und dem zuge­hö­ri­gen Kup­fer­stich, einem dra­ma­ti­schen Wim­mel­bild des Grau­ens:

Zwischen Empörung und Profit

Und erst die­se Kup­fer­sti­che — expli­zit bru­tal und tech­nisch auf hohem Niveau — machen das Werk zu einem Best­sel­ler. Sie prä­gen die Sicht auf das Jahr­hun­dert der Erobe­run­gen nach­hal­tig. De Bry ist empört über die Dop­pel­mo­ral der katho­li­schen Kir­che, die im Namen des Kreu­zes unmensch­li­che Taten zulässt. Die Kon­quis­ta­do­ren wer­den — sicher zu recht — als grau­sa­me Fol­te­rer und Mör­der gezeigt.

Aller­dings schwächt de Bry — mit fei­nem Gespür für den Markt — die Dar­stel­lun­gen der spa­ni­schen Gräu­el in der latei­ni­schen Aus­ga­be sei­nes Buches ab, er will wohl den Ver­kaufs­er­folg bei aus­län­di­schen und damit oft katho­li­schen Käu­fern nicht schmä­lern und fürch­tet auch Zen­sur.

Die Ästhetik des Schreckens

Man darf de Bry nicht vor­wer­fen, er habe das Leid der India­ner erfun­den. Das Grau­en der Con­quis­ta war real. Doch de Bry war ein Meis­ter der visu­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on: Er nutz­te die bes­ten hand­werk­li­chen Mit­tel sei­ner Zeit, um die­ses Leid so unüber­seh­bar und mons­trös dar­zu­stel­len, dass kein Betrach­ter in Euro­pa mehr weg­schau­en konn­te. Er mach­te aus dem fer­nen Bericht eine unmit­tel­ba­re, schmerz­haf­te Erfah­rung.

Die 17 Kup­fer­sti­che wer­den zu Iko­nen des spa­ni­schen Schre­ckens in der Neu­en Welt und tra­gen für lan­ge Zeit zur nega­ti­ven Wahr­neh­mung Spa­ni­ens in Nord­eu­ro­pa bei — der “Schwar­zen Legen­de” (Ley­en­da Negra).

Der geschäfts­tüch­ti­ge de Bry setzt alles dar­an, das gro­ße Inter­es­se an den im 16. Jahr­hun­dert neu ent­deck­ten Regio­nen zu befrie­di­gen. Er ver­legt in zwei gro­ßen Zyklen aktu­el­le Rei­se­be­rich­te: “Die Gro­ßen Rei­sen” über Ame­ri­ka und “Die Klei­nen Rei­sen” über Asi­en und Afri­ka. Und die meis­ten Bücher ver­sieht er mit Kup­fer­sti­chen im bewähr­ten Stil, den wir hier ken­nen gelernt haben: künst­le­risch und tech­nisch hoch­wer­tig, mit expli­zier­ter Dar­stel­lung von grau­en­haf­ten Details.

Ich wer­de dem­nächst hier Tex­te und Bil­der zu die­sen Rei­se-Büchern aus dem Ver­lag von Theo­dor de Bry brin­gen.

In einer Bil­der­ga­le­rie sehen Sie alle Moti­ve aus Las Casas’ Bericht.

Text: Ger­hard Groe­be. Bil­der: Public domain

Der Kazi­ke (Häupt­ling) Hatuey wird von den Spa­ni­ern leben­dig ver­brannt

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