Als Japan den Westen verzauberte: Die Geburtsstunde des Japonismus

Stel­len Sie sich ein Land vor, das mehr als 200 Jah­re lang fast voll­stän­dig von der Außen­welt iso­liert ist. Japan befin­det sich in der soge­nann­ten Sako­ku-Zeit, bis die USA im Jahr 1858 die Öff­nung der Häfen erzwin­gen. Von die­sem Moment an strö­men japa­ni­sche Waren in gewal­ti­gen Men­gen nach Euro­pa: Sei­de, Tee, Lack­wa­ren – und die für uns heu­te so fas­zi­nie­ren­den Ukiyo‑e Holz­schnit­te.

Die Legende vom Verpackungsmaterial

Einer der ers­ten Künst­ler, der im Wes­ten bekannt wird, ist Kat­su­shi­ka Hoku­sai. Wäh­rend wir ihn heu­te vor allem für sein iko­ni­sches Werk „Die gro­ße Wel­le vor Kana­ga­wa“ bewun­dern, ver­dankt der frü­he Japo­nis­mus sei­nen Anstoß einer kurio­sen Ent­de­ckung.

Eine „moder­ne Legen­de“ besagt, dass der fran­zö­si­sche Maler und Por­zel­lan­künst­ler Félix Brac­que­mond im Jahr 1856 in der Werk­statt sei­nes Dru­ckers Augus­te Delât­re ein klei­nes Büch­lein fin­det. Es dient schlicht als Füll­ma­te­ri­al in einer Kis­te mit japa­ni­schem Por­zel­lan, um die wert­vol­le Ware vor dem Zer­bre­chen zu schüt­zen. Es han­delt sich um einen Band der Hoku­sai Man­ga.

Was bedeutet „Manga“ wirklich?

Wenn wir heu­te „Man­ga“ hören, den­ken wir sofort an moder­ne japa­ni­sche Comics. Doch Hoku­sai ver­wen­det den Begriff Man­ga (漫画) im ursprüng­li­chen Sin­ne: als eine „Samm­lung von Skiz­zen“ oder „flüch­ti­ge Zeich­nun­gen“. Zwi­schen 1814 und 1815 ver­öf­fent­licht er ins­ge­samt 15 Bän­de, die wie ein visu­el­les Lexi­kon der japa­ni­schen Kul­tur wir­ken. Er zeich­net alles: Men­schen im All­tag, Tie­re, Geis­ter, Land­schaf­ten und kleins­te Details der Natur.

Ein Lauffeuer in der Kunstszene

Brac­que­mond ist von der Dyna­mik und der völ­lig neu­en Per­spek­ti­ve die­ser Bil­der so fas­zi­niert, dass er das Buch sei­nen Künst­ler­freun­den zeigt. Edouard Manet, Edgar Degas und vie­le ande­re las­sen sich infi­zie­ren. Es ist die Geburts­stun­de des Japo­nis­mus in Frank­reich, der bald ganz Euro­pa erfasst.

Félix Brac­que­mond: Ser­vice Rous­se­au

Brac­que­mond selbst ist einer der ers­ten, der die japa­ni­sche Ästhe­tik direkt in sei­ne Arbeit ein­flie­ßen lässt. Berühmt ist sei­ne Geschirr­se­rie „Ser­vice Rous­se­au“: Für die­se Ent­wür­fe über­nimmt er Moti­ve aus den Hoku­sai Man­gas fast eins zu eins und revo­lu­tio­niert damit das euro­päi­sche Design.

Hokusais Vermächtnis

Hoku­sais Popu­la­ri­tät im 19. Jahr­hun­dert grün­det sich maß­geb­lich auf die­se 15 Bän­de. Sie stel­len Moment­auf­nah­men dar, die das gesam­te Spek­trum des mensch­li­chen Lebens abbil­den – mit einer Leich­tig­keit und Meis­ter­schaft, die euro­päi­sche Künst­ler bis ins Mark erschüt­tert und den Weg in die Moder­ne ebnet.

Ent­de­cken Sie in unse­rer Gale­rie die fas­zi­nie­ren­den Details aus Hoku­sais Skiz­zen­bü­chern und las­sen Sie sich von der Ener­gie anste­cken, die einst Paris in Stau­nen ver­setz­te.

Ger­hard Groe­be

Eini­ge Bei­spie­le aus den Hoku­sai Man­gas, viel mehr in der Gale­rie:

© Bil­der: Public domain


















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