Genialer Verleger und skrupelloser Raubkopierer

Chris­ti­an Ege­nolff (1502–1555)

Chris­ti­an Ege­nolff ist zu Beginn des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts einer der neu­en Buch­dru­cker und Ver­le­ger, die die kom­mer­zi­el­len Mög­lich­kei­ten des Buch­drucks erken­nen und mit hohem künst­le­ri­schen Anspruch umset­zen. Dabei bedie­nen sie sich aber auch völ­lig beden­ken­los an frem­den Wer­ken.

Ege­nolff ist damit auch kei­nes­wegs allein, auch Johann Schön­sper­ger (ca. 1455- 1521) in Augs­burg ist bekannt für Raub­ko­pien, die oft deut­lich hoch­wer­ti­ger sind als die Ori­gi­na­le.

Luther mahnt 1525: Was soll doch das sein, mei­ne lie­ben Dru­cker­herrn, daß einer dem andern so offent­lich raubt und stiehlt das sei­ne, und unter­nan­der euch ver­derbt? Seid ihr nu auch Stra­ßen­räu­ber und Die­be wor­den? Und er ist der ers­te, der ein “Copy­right-Zei­chen” in sei­ne Bibels ein­fü­gen lässt:

Luthers “Echt­heits­zer­ti­fi­kat”

Dru­cker sind eigent­lich durch kai­ser­li­che Pri­vi­le­gi­en vor Nach­ah­mun­gen geschützt, doch die­se las­sen sich leicht umge­hen — durch klei­ne Text­än­de­run­gen oder durch “Kom­pi­la­tio­nen”, den denen sich das kopier­te Werk ver­ste­cken.

Ege­nolff wird immer wie­der hef­tig für sei­ne Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen ange­grif­fen.
Zwei Bei­spie­le:

Der an der Uni­ver­si­tät Wit­ten­berg leh­ren­de Jurist Kon­rad Lagus ist bekannt für sei­ne sorg­sam aus­ge­ar­bei­te­ten Vor­le­sun­gen, in denen er eine neu­ar­ti­ge, sys­te­ma­ti­sche Metho­dik, die den gesam­ten Stoff des römi­schen und kano­ni­schen Rechts nach logi­schen Prin­zi­pi­en ord­net, dar­legt. Ege­nolff beschafft sich eine Vor­le­sungs­mit­schrift und bie­tet Lagus die Ver­öf­fent­li­chung als Buch an, aber der lehnt ab, ja ver­bie­tet es ihm.

Das hin­dert Ege­nolff aber nicht, 1543 das Werk unter dem Titel „Juris utri­us­que tra­di­tio metho­di­ca“ (Metho­di­sche Dar­stel­lung bei­der Rech­te) zu ver­öf­fent­li­chen. Lagus ist sehr ver­är­gert, vor allem fürch­tet er um sei­nen Ruf als Wis­sen­schaft­ler und ver­öf­fent­licht „Ein­spruch gegen die unred­li­che, von Ege­nolff vor­ge­nom­me­ne Her­aus­ga­be sei­ner Kom­men­ta­re über die Rechts­leh­re“. Er bezeich­net Ege­nolff als pla­gia­ri­us und wirft ihm vor, sei­ne Vor­le­sun­gen nicht nur ohne Erlaub­nis, son­dern auch in min­der­wer­ti­ger Qua­li­tät gedruckt zu haben. Er beklagt, dass der Text — wohl durch die stu­den­ti­sche Mit­schrift — vol­ler Feh­ler steckt und sei­ne metho­di­schen Ansät­ze durch die unau­to­ri­sier­te Bear­bei­tung ent­stellt wor­den sei­en.

Metho­di­ca iuris utri­us­que tra­di­tio.
Druck bei Anto­ni­us Gry­phi­us, Lyon 1566

Aber Ege­nolff gibt nicht etwa klein bei: “Ver­tei­di­gung von Chris­ti­an Ege­nolff gegen den Pro­test von Kon­rad Lagus, in wel­chem die­ser ihn wegen der ver­öf­fent­lich­ten Kom­men­ta­re zur Rechts­leh­re in einer öffent­lich her­aus­ge­ge­be­nen Schrift ange­grif­fen hat” heißt sei­ne Schrift, in der er argu­men­tiert, die Publi­ka­ti­on sei für den Ver­fas­ser nur vor­teil­haft, da Abschrif­ten des Vor­le­sungs­stof­fes ohne­hin kur­sier­ten und immer feh­ler­haf­ter wür­den. Zuletzt macht Lagus das, was er viel­leicht schon gleich hät­te tun sol­len, er ver­öf­fent­licht sei­ne Leh­re nun selbst unter dem leicht ver­än­der­ten Titel “Metho­di­ca iuris utri­us­que tra­di­tio”. Das Buch wird unter ande­rem in Basel und Lyon gedruckt, um eine wei­te Ver­brei­tung der kor­rek­ten Leh­re in ganz Euro­pa sicher­zu­stel­len.

Aber auch die von Ege­nolff 1543 begon­ne­ne Aus­ga­be — der unau­to­ri­sier­te Druck — bleibt ein Best­sel­ler. Das Werk war ist so popu­lär, dass es in ver­schie­de­nen Fas­sun­gen (auto­ri­siert und unau­to­ri­siert) bis zum Ende des 16. Jahr­hun­derts in Zen­tren wie Basel (1553, 1581), Lei­den (1562, 1592) und Paris (1545) gedruckt wird.

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