Maddalena Bouchard — Meisterin der fliegenden Edelsteine

In der Welt der natur­wis­sen­schaft­li­chen Illus­tra­ti­on des 18. Jahr­hun­derts sind Frau­en meist nur als Kolo­ris­tin­nen im Hin­ter­grund tätig. Mad­da­le­na Bou­chard (um 1772 bis etwa 1793 — die genau­en Lebens­da­ten sind nicht bekannt) jedoch sprengt die­sen Rah­men: Als eine der ganz weni­gen Frau­en ihrer Zeit beherrscht sie das tech­nisch hoch­kom­ple­xe Hand­werk des Kup­fer­stichs auf pro­fes­sio­nel­lem Niveau.

Mad­da­le­na stammt aus der ein­fluss­rei­chen fran­zö­si­schen Ver­le­ger­dy­nas­tie Bou­chard, die im 18. Jahr­hun­dert von Lyon nach Rom über­sie­delt. In der ewi­gen Stadt betreibt die Fami­lie – gemein­sam mit den Gra­viers – eine der bedeu­tends­ten Buch­hand­lun­gen und Ver­la­ge für wis­sen­schaft­li­che Pracht­wer­ke. Mad­da­le­na ist somit im Zen­trum des intel­lek­tu­el­len Roms ver­netzt, wo Kunst auf exak­te Wis­sen­schaft trifft.

133 Vögel: Der „Recueil des Oiseaux“

Grand Duc, der Uhu (Bubo bubo)

Wäh­rend vie­le ihrer Zeit­ge­nos­sen sich auf sta­ti­sche Abbil­dun­gen beschrän­ken, haucht Mad­da­le­na ihren Vögeln Leben ein. In dem 1784 erschie­ne­nen Werk, dem „Recu­eil de Cent-Tren­te-Trois Oise­aux“ (Samm­lung von 133 Vögeln), schafft sie auf 87 Tafeln eine far­ben­präch­ti­ge Mena­ge­rie.

Ihre Sti­che – oft signiert mit dem stol­zen Zusatz „Mad­da­le­na Bou­chard sculp.“ – zei­gen exo­ti­sche Papa­gei­en, Sing­vö­gel und Greif­vö­gel in einer Bril­lanz, die weit über rei­ne Doku­men­ta­ti­on hin­aus­geht.

Die hand­ko­lo­rier­ten Dru­cke zeich­nen sich durch eine für die Zeit unge­wöhn­li­che Leucht­kraft aus, die die Vögel fast wie „flie­gen­de Edel­stei­ne“ auf dem Papier wir­ken lässt.

Eine Ausnahmestellung

Dass eine Frau in die­ser Zeit eine zen­tra­le Rol­le bei einem der­art umfang­rei­chen Werk spiel­te, ist eine abso­lu­te Aus­nah­me. Mad­da­le­na Bou­chard ist kei­ne Hob­by-Künst­le­rin, son­dern eine Pro­fi-Hand­wer­ke­rin in einem männ­lich domi­nier­ten Markt. Ihre Wer­ke sind heu­te nicht nur für Orni­tho­lo­gen wert­voll, son­dern auch ein Denk­mal für die weib­li­che Schaf­fens­kraft in der Auf­klä­rung.

Mad­da­le­na Bou­chard hat an einem viel umfang­rei­che­ren Pro­jekt mit­ge­ar­bei­tet, dem Hor­tus Roma­nus von Gior­gio Bonel­li, das der Ver­lag ihres Vaters — Bou­chard & Gra­vier — zwi­schen 1772 und 1793 ver­öf­fent­licht. Ich wer­de das Werk hier dem­nächst vor­stel­len.

Text: Ger­hard Groe­be, alle Bil­der: Public domain

Hier eini­ge Bei­spie­le aus dem Buch „Recu­eil de Cent-Tren­te-Trois Oise­aux“:

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