Geliebt und verdammt: Die Angst vor der “Chromo-civilization”

Im 19. Jahr­hun­dert wer­den in Ame­ri­ka Gär­ten zum Sta­tus­sym­bol. Obst­bäu­me, Gemü­se­sor­ten und exo­ti­sche Blu­men zie­hen ein. Die Samen- und Pflan­zen­händ­ler kön­nen lan­ge ihre Waren nicht ver­füh­re­risch prä­sen­tie­ren. Doch plötz­lich ist die Welt bunt. Sehr bunt!

Pflanzenkatalog von Ellwanger & Barry's, 1802
Pflan­zen­ka­ta­log von Ell­wan­ger & Barry’s, 1802

Bis Mit­te des 19. Jahr­hun­derts sind Saat­gut­ka­ta­lo­ge nur unat­trak­ti­ve Lis­ten — sie­he links. Die weni­gen Illus­tra­tio­nen – Litho­gra­fien, Sti­che, Holz­schnit­te — sind in schwarz-weiß gedruckt. Kolo­rie­ren von Hand wäre viel zu zeit­auf­wen­dig und damit teu­er.

Es dau­ert bis in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, bis maschi­nel­ler Farb­druck hoch­wer­tig, preis­wert und in gro­ßen Auf­la­gen mög­lich ist: 1837 lässt der fran­zö­sisch-deut­sche Litho­gra­fen Gode­froy Engel­mann die Chro­mo­li­tho­gra­fie paten­tie­ren. Die­se Tech­nik ist zwar tech­nisch auf­wän­dig, aber bald wer­den mit ihr mas­sen­haft far­ben­fro­he Post­kar­ten, Zigar­ren­kis­ten, Pla­ka­te und Kalen­der bedruckt. Und nun end­lich auch Pflan­zen­ka­ta­lo­ge.

Chromolithos gefährden die Kultur

Die “Chro­mo­li­thos” schwap­pen nun wie eine grell­bun­te Wel­le über Ame­ri­ka. Und sie erzeu­gen Ängs­te und Befürch­tun­gen: Edwin L. God­kin, Her­aus­ge­ber der Wochen­zeit­schrift The Nati­on und einer der pro­fi­lier­tes­ten ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­kri­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts, wen­det sich 1874 gegen die Vor­stel­lung, dass Farb­dru­cke “auf die Ebe­ne der schö­nen Küns­te” auf­stei­gen könn­ten. God­kin ist der Ansicht, dass die Chro­mo­li­tho­gra­fie sym­pto­ma­tisch für den all­ge­mei­nen Wer­te­ver­fall der moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur ist. Er fürch­tet, dass die bil­li­gen, bun­ten Dru­cke eine Pseu­do-Kul­tur schaf­fen. Sei­ne Sor­ge: Die Men­schen umge­ben sich mit dem Schein von Kunst und Wis­sen, ohne die Tie­fe dahin­ter zu ver­ste­hen. Für God­kin ist die Chro­mo­li­tho­gra­fie das „Fast Food“ der Bil­dung – attrak­tiv, aber ohne Nähr­wert.

Die sub­ti­le und zar­te Far­be, von der Hand eines Künst­lers auf­ge­tra­gen, ist für den Jour­na­list etwas ganz ande­res als die inten­si­ve Far­be, die von Maschi­nen in Mas­sen­pro­duk­ti­on erzeugt wird. God­kin warnt vor dem Nie­der­gang der kul­tu­rel­len Wer­te durch die “Chro­mo-Zivi­li­sa­ti­on”.

“Sub­til und zart” sind die Far­ben auf den Titel­sei­ten der nun mas­sen­haft pro­du­zier­ten Pflan­zen­ka­ta­lo­ge wirk­lich nicht, sie zeu­gen eher von einer nai­ven Freu­de an den neu­en Mög­lich­kei­ten des Farb­drucks. Sie sind die Vor­rei­ter einer neu­en Wer­be­psy­cho­lo­gie. Mit ihren leuch­ten­den Far­ben ver­spre­chen sie eine Pracht, die die Natur im hei­mi­schen Gar­ten gar nicht hal­ten kann. Es ist der Beginn der moder­nen Kon­sum­welt, in der das Bild mehr zählt als die Rea­li­tät.

Aber ich fin­de, die Kata­log-Titel haben eine ganz eige­ne Ästhe­tik, die ich Ihnen nicht vor­ent­hal­ten möch­te.

Text: Ger­hard Groe­be, Bil­der: Public domain

Sehen Sie hier Bei­spie­le für Chro­mo­li­thos aus der Zeit um das Jahr 1900: