Im 19. Jahrhundert werden in Amerika Gärten zum Statussymbol. Obstbäume, Gemüsesorten und exotische Blumen ziehen ein. Die Samen- und Pflanzenhändler können lange ihre Waren nicht verführerisch präsentieren. Doch plötzlich ist die Welt bunt. Sehr bunt!

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind Saatgutkataloge nur unattraktive Listen — siehe links. Die wenigen Illustrationen – Lithografien, Stiche, Holzschnitte — sind in schwarz-weiß gedruckt. Kolorieren von Hand wäre viel zu zeitaufwendig und damit teuer.
Es dauert bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis maschineller Farbdruck hochwertig, preiswert und in großen Auflagen möglich ist: 1837 lässt der französisch-deutsche Lithografen Godefroy Engelmann die Chromolithografie patentieren. Diese Technik ist zwar technisch aufwändig, aber bald werden mit ihr massenhaft farbenfrohe Postkarten, Zigarrenkisten, Plakate und Kalender bedruckt. Und nun endlich auch Pflanzenkataloge.
Chromolithos gefährden die Kultur
Die “Chromolithos” schwappen nun wie eine grellbunte Welle über Amerika. Und sie erzeugen Ängste und Befürchtungen: Edwin L. Godkin, Herausgeber der Wochenzeitschrift The Nation und einer der profiliertesten amerikanischen Kulturkritiker des 19. Jahrhunderts, wendet sich 1874 gegen die Vorstellung, dass Farbdrucke “auf die Ebene der schönen Künste” aufsteigen könnten. Godkin ist der Ansicht, dass die Chromolithografie symptomatisch für den allgemeinen Werteverfall der modernen amerikanischen Kultur ist. Er fürchtet, dass die billigen, bunten Drucke eine Pseudo-Kultur schaffen. Seine Sorge: Die Menschen umgeben sich mit dem Schein von Kunst und Wissen, ohne die Tiefe dahinter zu verstehen. Für Godkin ist die Chromolithografie das „Fast Food“ der Bildung – attraktiv, aber ohne Nährwert.
Die subtile und zarte Farbe, von der Hand eines Künstlers aufgetragen, ist für den Journalist etwas ganz anderes als die intensive Farbe, die von Maschinen in Massenproduktion erzeugt wird. Godkin warnt vor dem Niedergang der kulturellen Werte durch die “Chromo-Zivilisation”.
“Subtil und zart” sind die Farben auf den Titelseiten der nun massenhaft produzierten Pflanzenkataloge wirklich nicht, sie zeugen eher von einer naiven Freude an den neuen Möglichkeiten des Farbdrucks. Sie sind die Vorreiter einer neuen Werbepsychologie. Mit ihren leuchtenden Farben versprechen sie eine Pracht, die die Natur im heimischen Garten gar nicht halten kann. Es ist der Beginn der modernen Konsumwelt, in der das Bild mehr zählt als die Realität.
Aber ich finde, die Katalog-Titel haben eine ganz eigene Ästhetik, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Text: Gerhard Groebe, Bilder: Public domain
Sehen Sie hier Beispiele für Chromolithos aus der Zeit um das Jahr 1900:




















