Als Pierre-Joseph Redouté 27-jährig zu seinem Förderer L’Héritier de Brutelle nach London reist, um dort für ihn zu arbeiten, ist er bereits ein begnadeter Maler — aber auch ein frustrierter Buchkünstler. Er spürt, dass die damalige Drucktechnik seiner Kunst im Weg steht.


Das Aquarell von Redouté (links) zeigt die Delikatesse seiner Farben und Formen. Rechts daneben ein — sehr viel gröberer — kolorierter Kupferstich aus Stirpes novae
Das Gefängnis der schwarzen Linie
Redouté arbeitet an L’Héritiers Werk Stirpes Novae (Neue Pflanzenarten) und sieht erschrocken, wie die Pariser Kupferstecher seine zarten Aquarelle behandeln: Sie „sperren“ seine weichen Formen in harte, schwarze Umrisslinien ein. Der klassische Linienstich ist für die Anatomie einer Rose so ungeeignet wie ein Zimmermannshammer für die Uhrmacherei.
Die Begegnung mit Francesco Bartolozzi
In London stößt Redouté immer wieder auf die Arbeiten des Italieners Francesco Bartolozzi, der in England für seine stipple engravings — Punktstiche — berühmt ist. Bei dieser Technik werden die Motive nicht durch Linien in die Kupferplatte gegraben, sondern durch Abertausende winziger Punkte erzeugt

Bartolozzi gibt dem jungen Redouté bereitwillig Einblick in sein hoch entwickeltes Handwerk. Die Logik dahinter ist bestechend einfach: Je dichter die Punkte gesetzt werden, desto tiefer wirkt der Schatten; je lockerer sie gestreut sind, desto zarter wird der Übergang.
In einem eigenen Artikel werde ich auf die Details des Punktstichs eingehen.
Redouté als „Regisseur“ der Kupferplatte
Als Maler interessiert sich Redouté weniger für das mühsame Handwerk des Stechens an sich. Ihn fasziniert die „Logik der Übersetzung“. Er will verstehen, wie man einen flüssigen Pinselstrich in ein vibrierendes Punktmuster übersetzt.
Dieses Wissen bringt er zurück nach Paris. Später, bei seinen großen Meilensteinen wie den „Rosen“, beschäftigt er ein Team von 18 bis 20 Kupferstechern. Er fungiert dabei als eine Art Regisseur: Er führt die Nadel seiner Angestellten nicht selbst, aber er gibt die Vision vor und kontrolliert jedes Detail, damit die Technik der Malerei dient – und nicht umgekehrt.


Der Abschied von der schwarzen Linie
Der Aufenthalt in London verändert Redoutés Anspruch für immer. Ohne die Londoner Inspiration durch Bartolozzi gäbe es die berühmte „Zartheit“ seiner späteren Werke nicht. Er bringt das Wissen zurück nach Paris, dass man eine Blume nicht mit Linien zeichnen, sondern mit Punkten modellieren muss. Es ist dieser technische Vorsprung, der seine Werke bis heute so lebendig und frisch erscheinen lässt.

In der Vergrößerung (Klick ins Bild) sind die Bildpunkte deutlich zu sehen





