Redoutés London-Moment — Der Punktstich befreit seine Vision

Als Pierre-Joseph Redou­té 27-jäh­rig zu sei­nem För­de­rer L’Héritier de Brut­el­le nach Lon­don reist, um dort für ihn zu arbei­ten, ist er bereits ein begna­de­ter Maler — aber auch ein frus­trier­ter Buch­künst­ler. Er spürt, dass die dama­li­ge Druck­tech­nik sei­ner Kunst im Weg steht.

Das Aqua­rell von Redou­té (links) zeigt die Deli­ka­tes­se sei­ner Far­ben und For­men. Rechts dane­ben ein — sehr viel grö­be­rer — kolo­rier­ter Kup­fer­stich aus Stir­pes novae

Das Gefängnis der schwarzen Linie

Redou­té arbei­tet an L’Hé­ri­tiers Werk Stir­pes Novae (Neue Pflan­zen­ar­ten) und sieht erschro­cken, wie die Pari­ser Kup­fer­ste­cher sei­ne zar­ten Aqua­rel­le behan­deln: Sie „sper­ren“ sei­ne wei­chen For­men in har­te, schwar­ze Umriss­li­ni­en ein. Der klas­si­sche Lini­en­stich ist für die Ana­to­mie einer Rose so unge­eig­net wie ein Zim­mer­manns­ham­mer für die Uhr­ma­che­rei.

Die Begegnung mit Francesco Bartolozzi 

In Lon­don stößt Redou­té immer wie­der auf die Arbei­ten des Ita­lie­ners Fran­ces­co Bar­to­loz­zi, der in Eng­land für sei­ne stipp­le engra­vings — Punkt­sti­che — berühmt ist. Bei die­ser Tech­nik wer­den die Moti­ve nicht durch Lini­en in die Kup­fer­plat­te gegra­ben, son­dern durch Aber­tau­sen­de win­zi­ger Punk­te erzeugt

Count­ess Spen­cer von Fran­ces­co Bar­to­loz­zi, 1787

Bar­to­loz­zi gibt dem jun­gen Redou­té bereit­wil­lig Ein­blick in sein hoch ent­wi­ckel­tes Hand­werk. Die Logik dahin­ter ist bestechend ein­fach: Je dich­ter die Punk­te gesetzt wer­den, des­to tie­fer wirkt der Schat­ten; je locke­rer sie gestreut sind, des­to zar­ter wird der Über­gang.

In einem eige­nen Arti­kel wer­de ich auf die Details des Punkt­stichs ein­ge­hen.

Redouté als „Regisseur“ der Kupferplatte

Als Maler inter­es­siert sich Redou­té weni­ger für das müh­sa­me Hand­werk des Ste­chens an sich. Ihn fas­zi­niert die „Logik der Über­set­zung“. Er will ver­ste­hen, wie man einen flüs­si­gen Pin­sel­strich in ein vibrie­ren­des Punkt­mus­ter über­setzt.

Die­ses Wis­sen bringt er zurück nach Paris. Spä­ter, bei sei­nen gro­ßen Mei­len­stei­nen wie den „Rosen“, beschäf­tigt er ein Team von 18 bis 20 Kup­fer­ste­chern. Er fun­giert dabei als eine Art Regis­seur: Er führt die Nadel sei­ner Ange­stell­ten nicht selbst, aber er gibt die Visi­on vor und kon­trol­liert jedes Detail, damit die Tech­nik der Male­rei dient – und nicht umge­kehrt.

Der Abschied von der schwarzen Linie

Der Auf­ent­halt in Lon­don ver­än­dert Redou­tés Anspruch für immer. Ohne die Lon­do­ner Inspi­ra­ti­on durch Bar­to­loz­zi gäbe es die berühm­te „Zart­heit“ sei­ner spä­te­ren Wer­ke nicht. Er bringt das Wis­sen zurück nach Paris, dass man eine Blu­me nicht mit Lini­en zeich­nen, son­dern mit Punk­ten model­lie­ren muss. Es ist die­ser tech­ni­sche Vor­sprung, der sei­ne Wer­ke bis heu­te so leben­dig und frisch erschei­nen lässt.

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