Shin-Bijutsukai: Ein Meer aus Formen für die westliche Moderne

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts trifft die euro­päi­sche Moder­ne auf ein gereif­tes, tra­di­tio­nel­les japa­ni­sches Design­ver­ständ­nis, das im Wes­ten wie ein Kata­ly­sa­tor wirkt. Eine der wich­tigs­ten Quel­len für die­sen Aus­tausch ist das Maga­zin Shin-Bijut­sukai (新美術海), was über­setzt so viel bedeu­tet wie „Ein Meer neu­er Kunst“. Es erscheint zwi­schen 1901 und 1906 mit dem selbst­be­wuss­ten Unter­ti­tel: „The New Month­ly Maga­zi­ne of Various Designs by Famous Artists of To-Day“.

Warum Shin-Bijutsukai so bedeutend für den Japonismus ist

Die Ent­wür­fe in die­sem Maga­zin zei­gen eine radi­ka­le Moder­ni­tät, die um 1900 in Euro­pa fast wie eine Pro­vo­ka­ti­on wirkt. Die japa­ni­schen Künst­ler bre­chen Regeln, an denen die west­li­che Kunst seit der Renais­sance fest­ge­hal­ten hat.


Drei Prin­zi­pi­en einer neu­en Ästhe­tik Betrach­tet man die Moti­ve aus dem Maga­zin, wer­den die Grün­de für die enor­me Wir­kung im Wes­ten sofort greif­bar:

  1. Flä­chig­keit statt Per­spek­ti­ve: In Dar­stel­lun­gen wie den wei­ßen Blü­ten auf dunk­lem Grund gibt es kei­ne räum­li­che Tie­fe. Es ist rei­ne, kraft­vol­le Gra­fik. Für die west­li­che Kunst, die zu die­ser Zeit noch stark an Licht, Schat­ten und mathe­ma­ti­scher Per­spek­ti­ve hängt, ist die­ser Ver­zicht auf Drei­di­men­sio­na­li­tät ein befrei­en­der Schock.
  2. Sti­li­sie­rung der Natur: Natur­phä­no­me­ne wer­den in flie­ßen­de, fast abs­trak­te Orna­men­te über­setzt – wie etwa der berühm­te Was­ser­wir­bel. Genau die­se dyna­mi­sche Lini­en­füh­rung fin­det sich unmit­tel­bar dar­auf in den geschwun­ge­nen For­men des fran­zö­si­schen und deut­schen Jugend­stils wie­der.
  3. Mut zur Lee­re (Ma): Japa­ni­sche Kom­po­si­tio­nen, wie Grä­ser vor stren­gen ver­ti­ka­len Lini­en, nut­zen das Prin­zip des Ma – des bewusst lee­ren Raums. Die Bil­der sind asym­me­trisch auf­ge­baut und las­sen dem Auge Platz zum „Atmen“. Im Wes­ten lernt man erst durch die­se Vor­bil­der, dass ein Bild nicht bis in den letz­ten Win­kel „aus­ge­füllt“ sein muss, um zu wir­ken.

Die Spu­ren in der Kunst­ge­schich­te Die Ent­wür­fe aus Shin-Bijut­sukai beein­flus­sen nicht nur die gro­ßen Maler wie Van Gogh, Gau­gu­in, Kan­din­sky oder Schie­le. Auch das Kunst­ge­wer­be lässt sich infi­zie­ren: Von den Glas­ar­bei­ten bei Tif­fa­ny bis hin zu Stoff­mus­tern und Tape­ten des Art Nou­veau – das japa­ni­sche Design lie­fert die Blau­pau­se für die Ästhe­tik der Jahr­hun­dert­wen­de.

Tau­chen Sie hier unten in unse­rer Gale­rie in die­ses „Meer neu­er Kunst“ ein und ent­de­cken Sie die Mus­ter, die einen wich­ti­gen Grund­stein für unser moder­nes Design­ver­ständ­nis gelegt haben.

Einen Arti­kel zum frü­hen Japo­nis­mus fin­den Sie hier

Ger­hard Groe­be

Bei­spie­le aus Shin-Bijut­sukai 新美術海:

Alle Moti­ve: Public domain

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