Der Tübinger Mediziner und Botaniker mit Superstar-Status

Als Leon­hart Fuchs (1501–1566) im Jah­re 1535 zum Medi­zin­pro­fes­sor an die Uni­ver­si­tät Tübin­gen beru­fen wird, befin­det die sich im radi­ka­len Umbruch. Her­zog Ulrich ist gera­de erst nach 15-jäh­ri­ger Ver­ban­nung (wegen des Mor­des am Ehe­mann sei­ner Gelieb­ten) aus dem Exil zurück­ge­kehrt – und zwar als Pro­tes­tant! Nun will er die 1477 gegrün­de­te Uni­ver­si­tät refor­mie­ren und sucht Män­ner mit Rück­grat.

Von Leon­hart Fuchs erwar­tet der Her­zog Gro­ßes: Er soll nicht nur die medi­zi­ni­sche Leh­re refor­mie­ren, son­dern die Uni­ver­si­tät auf den Kurs des Huma­nis­mus und der Refor­ma­ti­on brin­gen. Doch die Uni­ver­si­tät ist tief im katho­li­schen Glau­ben ver­wur­zelt. Der Wider­stand ist so hef­tig, dass der Kanz­ler Ambro­si­us Wid­mann für 15 Jah­re ins benach­bar­te, katho­li­sche Rot­ten­burg flieht, um die luthe­ri­sche Refor­ma­ti­on zu boy­kot­tie­ren.

Leon­hart Fuchs (1501–1566)
gebo­ren im bay­ri­schen Wem­ding, gestor­ben in Tübin­gen.
Pro­fes­sor in Tübin­gen von 1535 bis zum Lebens­en­de.
Einer der wich­tigs­ten Natur­wis­sen­schaft­ler zu Beginn der Neu­zeit.
Sei­ne Kräu­ter­bü­cher — De His­to­ria Stir­pi­um com­men­ta­rii insi­gnes (1542) und ein Jahr spä­ter das New Kre­ü­ter­buch — begrün­den die Bota­nik.

Ein Kämpfer auf Empfehlung Melanchthons

Der 35-jäh­ri­ge Fuchs scheint genau der Rich­ti­ge für die­se schwie­ri­ge Auf­ga­be zu sein. Er ist uner­schro­cken und scheut kei­nen Kon­flikt. Bereits 1530 legt er mit sei­nem Werk Erra­ta recen­tiorum med­icorum („Die Feh­ler der neue­ren Ärz­te“) den Fin­ger in die Wun­de. Er tadelt die Unkennt­nis sei­ner Kol­le­gen und for­dert eine Medi­zin, die sich wie­der an der Natur ori­en­tiert – und vor allem die „ara­bi­schen Auto­ri­tä­ten“ ver­bannt, um zu den anti­ken Wur­zeln von Hip­po­kra­tes zurück­zu­keh­ren.

Sein Ruf ist exzel­lent: Er kommt auf Emp­feh­lung von Phil­ipp Melan­chthon, dem wich­tigs­ten Stra­te­gen an Luthers Sei­te, nach Tübin­gen. Fuchs wird schnell zum ein­fluss­reichs­ten Kopf der Uni­ver­si­tät und beklei­det ins­ge­samt sie­ben­mal das Amt des Rek­tors – zwei­mal davon wäh­rend der Pest­jah­re 1554 und 1555.

Das „ausgezeichnete“ Werk des „berühmtesten Arztes“

Doch Fuchs will mehr als nur Ver­wal­tung. Seit Beginn sei­ner Tübin­ger Zeit arbei­tet er an sei­nem monu­men­ta­len Kräu­ter­buch De His­to­ria Stir­pi­um (1542). Es ent­hält lebens­na­he Abbil­dun­gen von über 500 Heil­pflan­zen in einer Qua­li­tät, die die Bota­nik revo­lu­tio­niert.

Inter­es­sant ist jedoch, wie Fuchs sein Werk und sich selbst im Titel prä­sen­tiert. Die Kom­men­ta­re nennt er selbst­be­wusst „insi­gnes“ – also aus­ge­zeich­net oder her­aus­ra­gend. Die Bewer­tung über­lässt er nicht dem Leser, er nimmt sie vor­weg. Der voll­stän­di­ge Titel des Buches liest sich wie eine moder­ne Wer­be-Anzei­ge:

„Aus­ge­zeich­ne­te Kom­men­ta­re zur Geschich­te der Pflan­zen: Aus­ge­ar­bei­tet mit größ­tem Auf­wand und Fleiß […] ver­fasst von Leon­hart Fuchs, dem bei wei­tem berühm­tes­ten Arzt unse­rer Zeit.“

Titel von De His­to­ria Stir­pi­um com­men­ta­rii insi­gnes

Ruhm, Ehre und Gelehrtenfehden

Sich selbst als den „bei wei­tem berühm­tes­ten Arzt unse­rer Zeit“ zu bezeich­nen, mag uns heu­te über­heb­lich erschei­nen. Doch in der Renais­sance war die­ses enor­me Selbst­be­wusst­sein Pro­gramm. Man arbei­tet für den Nach­ruhm und die lite­ra­ri­sche Unsterb­lich­keit.

Wer Fuchs kri­ti­siert, muss­te mit har­ten Gegen­an­grif­fen rech­nen. Als er den Frank­fur­ter Dru­cker Chris­ti­an Ege­nolff des Pla­gi­ats bezich­tigt und die­ser sich wehrt, schlägt Fuchs mit einer Schrift über die „lüg­ne­ri­schen und eines Chris­ten unwür­di­gen Anschul­di­gun­gen“ zurück. Es fol­gen Jahr­zehn­te der Feh­den mit ande­ren Gelehr­ten – Strei­tig­kei­ten, die oft mora­lisch auf­ge­la­den und von bei­den Sei­ten mit schärfs­ter Pole­mik geführt wer­den.

Iro­nie der Geschich­te: Leon­hart Fuchs erlangt durch­aus „Unsterb­lich­keit“, aller­dings auf ganz ande­re Wei­se als wohl erhofft. Dazu dem­nächst hier mehr …

Ger­hard Groe­be, Bil­der: Public domain

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